TheMay

Im Zauberwald
 

Meta





 

Früher habe ich so viel geschrieben, ich MUSSTE schreiben und nun habe ich eine Heidenangst davor. Weil es nicht mehr rein ist, es ist bewertbar. Aber ich will es wieder haben. Also bin ich ins kalte Wasser gesprungen.


On The Run

 

Ich will ja nicht viel. Wirklich nicht. Weder will ich berühmt noch reich sein, dazu bin ich zu realistisch. Als ich klein war und meine Steffi, die Billigversion der Barbie, noch als Stellvertreterin für meine Träume galt, wollte ich Tierärztin werden. Süßen Tieren helfen und dann in die Augen der dankbaren Menschen schauen. Ja, das war mein Traum, meine Realität war ein Praktikum in der Tierklinik, Jahre später. Als ich das Blut des nun entmannten Hundes sah, hab ich in meine Hände erbrochen und bin weinend aufs Klo gerannt. Bei der Katze mit dem gebrochenen Bein hab ich die Kotze in Mund behalten und sie dann wieder heulend ins Klo gespuckt. Wer hätte bis dahin gedacht, dass ich kein Blut sehen kann?

Ich bin also ganz ehrlich wenn ich sage, ich will nicht viel. Nur eine Pepsi. Sollte doch machbar sein. Ich sitze hier also in diesem alten Auto, das nach nassem Hund riecht und warte auf ihn. Er wollte nur kurz tanken, bevor wir losfahren. Da es in Strömen vom Himmel pisst, zog er sein weißes Shirt über den Kopf und man konnte seinen mageren Nagetierkörper sehen. Nun sitze ich hier und warte auf eine Pepsi.

Später, so zum Anfang der Pubertät, die mir nicht mehr als unförmige Brüste und Pickel auf dem Arsch bescherte, wollte ich Psychologin werden. Menschen helfen ohne Blut sehen zu müssen. Das war mein Traum, die Realität war ich. Ich bin einfach dumm. Ja, nicht simpel gestrickt sondern schlichtweg dumm. Ich bin keiner von denen, die schlechte Noten nach Hause bringen und cool sagen können, ich sei einfach zu faul gewesen. Nein, ich brachte schlechte Noten nach Hause, weil ich dumm war. Ich konnte Stunden in meinem Zimmer sitzen und lernen und war nie besser als „ausreichend“. Das bin ich, ausreichend.

Eine 0,5 l Pepsi wär gut, ich habe Durst, meine Kehle ist trocken. Irgendwie witzig, durstig im Regen. Er ist schon zu lange drin. Er wollte nur tanken und dann, dann fahren wir los, einfach weg. Das hat er mir versprochen. Ich ziehe meine Knie unter mein Kinn und schaue auf die schwimmenden Lichter der Tankstellenreklame. Ich mache die Musik lauter und kaue an meinem Daumennagel.

Irgendwas muss man ja nach der Schule machen, also wurde ich Sekretärin bei einem Psychologen. So war ich genau am Fuße des Scherbenhaufens, der mein Traum war.  Akten sind geduldig und Kaffee einfach zu kochen. Ja, das ist…war mein Leben bis er kam. Natürlich wusste ich schon alles über ihn, ich habe doch seine Akte einsortiert, jeden Donnerstag. An jedem Donnerstag, den er kam und auf dem Ledersessel saß und wartete. Sein Blick floss vom Boden zu mir und auf die Uhr.  Ich ertappte mich, wie ich donnerstags immer etwas mehr Lippenstift auftrug und mein Blick immer öfter seinen traf. Wir redeten kaum. Eines Freitags stand er nach der Arbeit vor der Tür und folgte mir nach Hause. Wir tranken Pepsi und er sagte, er muss weg. In den Norden, ob ich mit wolle. Ich sagte ja…

…und nun sitze ich hier und warte auf meine Pepsi. Ich bin bei meinem linken Daumen an den Punkt angelangt, an dem es blutet, wenn man die kleinen herausragenden Zipfel mit den Zähnen herauszieht. Ein kleiner Schmerzwall und drei Tropfen Blut. Es ist laut draußen.

Er rennt zum Auto, in seiner Hand eine billige Plastiktüte, ich hoffe immer noch auf Pepsi. Er setzt sich auf den Fahrersitz und schaut mich an. Sein schwarzes Haar klebt an der Stirn und einige Tropfen einer losen Strähne fallen auf seinen ohnehin schon nassen Schoß. Er atmet schwer ein und aus. Er schmeißt mir die Tüte auf meinen Schoß und fährt los, nicht mal angeschnallt. Auf seinem Shirt sind rote Spritzer und in der Türe ist Geld. Und eine Sprite.

Ich will ja nicht viel. Wirklich nicht. Weder will ich eine Pepsi noch die Wahrheit, dazu bin ich zu realistisch. Jetzt will ich nur noch ein Bett.

19.7.11 23:49

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